02.01.2022

Reschs Rhetorik Review „Kanzlerrhetorik“

In dem Magazin „politik und kommunikation“ erscheint meine regelmĂ€ssige Rubrik Reschs Rhetorik Review mit einem Röntgenblick auf die aktuelle politische Rhetorik. Hier die Kolumne aus dem Dezember 2021:

Kanzlerrhetorik

Wo ist er denn, der Scholzomat? Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Rubrik hat man vom Gewinner schon Wochen nichts mehr gehört oder gesehen. Doch, da war was! Merkel hatte den Scholz im GepĂ€ck, als sie zum Abschiedsbesuch beim Gipfel der Großen war. Aber sonst? Da wird hinter verschlossenen TĂŒren an der Koalition rumgeampelt. Und nichts dringt nach draußen.

Dieses „Nichts“ ist kein Zufall, sondern bezeichnend fĂŒr die ganz bewusste rhetorische Strategie von Olaf Scholz. Der Asket ist auch sparsam mit seinen Worten. Da kommt nichts, was ĂŒberflĂŒssig wĂ€re. Jedes Wort: PrĂ€zise! Mit geradezu prĂ€sidialer Langsamkeit vorgetragen. Jedes Statement: Auf den Punkt. Kein Geschwurbel, keine Girlande. Olaf Scholz verlĂ€uft sich nicht auf dem Feld der Argumentation. Er spielt denn Ball mit ruhigster rhetorischer Hand. Man könnte fast sagen: Jedes Soundbyte ein „Hole in One“.

Olaf Scholz hat in der Vorbereitung zu seinem Wahlkampf offenbar verstanden, dass die mediale Öffentlichkeit keine explorativen Exkursionen mag. DafĂŒr ist kein Platz. Da kann man so schlecht eine Headline draus machen. Die Medien – und damit die Menschen – mögen die rhetorische Kante.

Diese Strategie konnte man im gesamten Wahlkampf beobachten. Als schlechtes Gegenbeispiel muss – ich bitte im Verzeihung – noch ein einziges Mal Armin Laschet herhalten. Wer? Armin! Der Laschet! Der war mal Kanzlerkandidat, der Gegner des Scholzomaten. Klingt lange her, irgendwie vergessen.

Warum? Unter dem rhetorischen Brennglas betrachtet, hat sich Armin Laschet durch den Wahlkampf geplaudert. Hier mal was versprochen, dort mal gute Laune verbreitet. Armin, der rhetorische HĂ€ndeschĂŒttler. So einer bleibt nicht in Erinnerung. Oder gibt es irgendeinen programmatischen Satz von Armin Laschet, an den Sie, geneigte Leserinnen und Leser, sich erinnern können? Außer vielleicht, dass es keinen Lockdown mehr geben wird. Mal sehen
 Dagegen hat Olaf Scholz sich vielmehr als rhetorischer Messias positioniert.

Beispiel gefĂ€llig? In irgendeinem dieser endlosen Wahlhearings wurde Armin Laschet von einem BĂŒrger mit der Frage konfrontiert, was er als Kanzler tun wĂŒrde, damit der Fragesteller – von Beruf Polizist – in seinem Job wieder sicher sei. Der geĂŒbte Rhetoriker – ein Kurs bei der Volkshochschule genĂŒgt – wĂŒrde sofort erkennen: Der emotionale Touchpoint ist das persönliche BedĂŒrfnis nach Sicherheit. Hier herrscht offenbar Angst. Also muss man sein GegenĂŒber bei seiner Angst greifen und in die StĂ€rke fĂŒhren. Klingt easy, selbst fĂŒr den Hobbypsychologen.

Was macht Armin Laschet? Wortreich nimmt er seinen Anflug und erklĂ€rt dem jungen Mann, dass es ja schon eine besondere Entscheidung sei, Polizist zu werden. Weil: Das sei ja in der Tat ganz schön gefĂ€hrlich. Und ein Vermögen wĂŒrde man dabei ja auch nicht verdienen. Der Landeanflug zur Antwort zieht so viele Kurven, dass Armin Laschet am Ende die Antwort vergisst. Statt den Polizisten und damit alle Zuschauerinnen und Zuschauer zu stĂ€rken, hat er dem jungen Mann irgendwie zwischen den Zeilen den Rat gegeben, dass das mit der Berufswahl wohl keine so gute Entscheidung war. Nebenbei: Armin Laschet hat fĂŒr einen rhetorisch wackeligen Landeanflug ewige Minuten gebraucht. Und die Landung in den selbst geschĂŒrten Turbulenzen ganz schön versemmelt.

Schnitt. NĂ€chste Sendung. Olaf Scholz im Kontakt mit dem BĂŒrger. Eine Situation, die fĂŒr seine Wahlkampfstrategen anfangs sicher zu der Liste der grĂ¶ĂŸten anzunehmenden Unheile gehörte. Der Scholzomat und die BĂŒrger. Emotion trifft auf Einwurfschlitz. Aber da gab es offenbar irgendeinen mutigen Geist im Umfeld des Kandidaten, der da mit dem Olaf mal Tacheles gesprochen hat: „So geht das nicht! Da musst Du an Dir arbeiten!“ Es gab Zeiten, da hĂ€tte solche Offenheit manchen Kommunikator stante pede den Job gekostet. Olaf hat so viel Klarheit und Mut den Job als Kanzler gebracht. Denn offenbar hat er Kritik und Rat ernst genommen und an sich gearbeitet. Mit messbarem Ergebnis.

In einem dieser vielen Wahlhearings (ich wiederhole mich, man kann sich an die Flut der Hearings und Duelle kaum mehr erinnern) wurde Olaf Scholz mit einem von der Redaktion wunderbar gecasteten BilderbuchbĂŒrger konfrontiert. Der seine Sorge mit großer Empathie vortrug. NĂ€mlich: Dass er es sich nicht nehmen lasse, sein Zigeunerschnitzel weiter Zigeunerschnitzel zu nennen (Achtung: Zitat! Ich habe nur zitiert!). Und – es geht noch weiter – dass er mit seinen Freunden am Wochenende auch weiter aus lauter Kehle den ‚HĂ€uptling der Indianer‘ (Achtung: Zitat!) singen werde. Rumms. Da steht die Frage nun im Raum. Live. Atemlose Stille. Was wird er darauf antworten? Ein heimliches Bekenntnis zum Z-Schnitzel? Das Ende! VerstĂ€ndnis fĂŒr das lustige Liedgut? Aus und vorbei! Empörung und Belehrung? Da wĂŒrde die Bildzeitung sofort die Seite 1 neu in den Druck jagen.

Man ahnt, wie Armin Laschet reagiert hĂ€tte. Der ja JĂ€gerschnitzel bekanntermaßen nicht auf Lunge raucht. Oder so. Olaf Scholz antwortet dagegen mit dem grandiosen Satz: „Ich höre aus Ihrer Frage, es geht Ihnen um Respekt!“ Respekt! Das muss man sich mal vorstellen! Vom Z-Schnitzel zum Respekt! Da muss man a) erstmal drauf kommen. Es b) dann auch mal versuchen. Und c) muss einem dann die Flugkurve auch gelingen. Olaf kann das.

Auf dieser Flughöhe redet er nicht mehr ĂŒber kalorische fragwĂŒrdige Lebensmittel und melodisch fragwĂŒrdiges Liedgut. Sondern ĂŒber ein Land, in dem er Kanzler sein will. Über eine Gesellschaft, die durch Miteinander und SolidaritĂ€t geprĂ€gt ist. Und das alles: Langsam. Klar. PrĂ€zise. Dem singenden und schmatzenden BĂŒrger bleibt nur andĂ€chtiges Nicken. Und Olaf Scholz kickt den Ball mit leichtem Fuß ins Tor.

Ein kleines Beispiel, ein lustiges vielleicht. Und dennoch ein programmatisches. Am Ende lĂ€sst sich auf den Punkt bringen: Olaf Scholz hat sich einen Wertekanon definiert. In unseren Coachings nennen wir es das „Speaking-Board“. Und das Ding ist wasserdicht. Es hĂ€lt jedem  journalistischen Angriff stand. Olaf Scholz verankert jede Antwort an diesem Board. Er spricht ĂŒber Respekt, ĂŒber SolidaritĂ€t, ĂŒber gesellschaftliches Miteinander und ĂŒber den Mindestlohn. Immer. 

Jaja, jetzt gehen die Klagen los! Ich höre schon: Das sei Politsprech! Das sei alles ohne Substanz! Das seien Luftblasen und Wortwolken! Really? Die WÀhler*innen haben entscheiden. Wer ist Kanzler? Quod erat demonstrandum.

Olaf Scholz hat sich auch eines zunutze gemacht: Dass die meist genutzte Floskel der Journalisten in den Hearings der Satz war: „Aber schnell, wenn Sie Ihre Frage schnell stellen!  Wir haben nicht viel Zeit!“ Warum veranstalten die Journalisten solche Sendungen, wenn sie selbst der Substanz den Boden entziehen? Darf das dann ĂŒberhaupt noch Journalismus heißen? Oder ist das nicht vielmehr das journalistische Mc-Drive-Menu? Wo Geschwindigkeit wichtiger ist als Relevanz, da darf man es dem Politiker nciht vorwerfen, wenn er sich das zunutze macht. In diesem Temprorunden kam Olaf Scholz ja selbst bei Wirecard nicht ins Straucheln. Weil fĂŒr die KomplexitĂ€t des Themas schon von Seiten der journalistischen Gastgeber kein Platz eingerĂ€umt war. Na bitte, wenn die es so wollen


Der einzige Journalist, der Olaf Scholz in einem Interview wirklich an die Grenzen gefĂŒhrt hat, ist Stephan Lamby. Ein Interviewfuchs in Gewand eines feinen Kerls. Man vertraut ihm. Er nimmt sich Zeit. Er bleibt dran. Und Olaf Scholz kommt ins Schwafeln, das kann man wunderbar in der Mediathek beobachten. Diese Szenen zeigen, dass Stephan Lamby alle seine Journalistenpreise verdient hat. Und dass man die Kunst der Rhetorik niemals oft genug trainieren kann. 

Ich bleibe dabei: OIaf Scholz ist deutlich auch mit bewusster Rhetorik Kanzler geworden. Und Armin Laschet deutlich mit seiner Rhetorik nicht. Jede gute Rubrik endet ja mit einer Anekdote. Auch diese. Hier ist sie:

Wir halten die BILD vom Samstag vor der Wahl in HĂ€nden. Keine 24 Stunden mehr bis zum ersten Kreuz. Und die BILD fragt auf Seite zwei die Kandidaten: Was war Ihr grĂ¶ĂŸter Fehler im Wahlkampf? Achtung, Auftritt Laschet: Es ist schon einige Wochen her, beinahe vergessen, seine Lacher im RĂŒcken des BundesprĂ€sidenten. Wahrscheinlich hat sein Stab aus Expertinnen und Experten wochenlang an nichts anderem gearbeitet, als diese Szene aus dem kollektiven GedĂ€chtnis der WĂ€hlerschaft zu entfernen. Und dann – wir erinnern uns: BILD, Seite 2, einen Atemzug vor der Wahl: Armin Laschet antwortet: Sein grĂ¶ĂŸter Fehler sei sicher das Lachen hinter dem RĂŒcken des BundesprĂ€sidenten gewesen. Schwups, schon isses wieder da, in den Köpfen, das Bild des kichernden Armin. Kann man sich nicht vorstellen
 

Diese Rubrik beschĂ€ftigt sich ja ausweislich der Überschrift mit der Kanzlerrhetorik. Nicht weniger interessant wĂ€re eine Rubrik zum Gegenteil, der Verliererrhetorik. Dazu habe ich aus dem Wahlkampf sĂ€ckeweise Beispiele zusammengetragen. Hier nur eines: Das meist genutzte Wort der CDU in den sozialen Medien war wohl was Wort kĂ€mpfen. Immer wieder riefen die Abgeordneten ihre Frauen und Mannen zum KĂ€mpfen auf und beschworen sie, dass noch nichts verloren sei. Nichts ist weniger sexy als die, die kĂ€mpfen mĂŒssen. Genauso wie die wenig ĂŒberzeugend sind, die in Krisen „unter Hochdruck“ arbeiten. Das nimmt jede SouverĂ€nitĂ€t.

Als Laschet in einem der unzĂ€hligen Trielle den Kandidaten persönlich angriff, hat dieser sich noch nichtmal zu dem schimpfenden Laschet eingedreht. Er war ihm egal. Olaf Scholz hat sich von Anfang an die Aura, den Habitus und die Rhetorik eines Kanzlers gegeben. Meine Großmutter, Gott hab sie selig, eine bescheidene Italienerin, in ihrem 99. verstorben, hat mir schon als Schuljunge gesagt: „Kleide Dich immer fĂŒr den nĂ€chsten Job“; dass sie es damit mal 50 Jahre spĂ€ter in meine Rubrik schafft! Denn gleiches gilt fĂŒr die Sprache. Mit dem Ergebnis: Der Plauderer bleibt nicht mal MinisterprĂ€sident. Der Kanzler wird Kanzler. Weil er sich mit der Sprache des Amtes kleidet. Kanzlerrhetorik eben. Und wenn es sich dann bald ausgeampelt hat in den Koalitionsrunden, werden wir sehen, was davon im Amt noch bleibt. Es wird im besten Fall die nĂ€chste Folge dieser Rubrik fĂŒllen. 

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